Vielleicht sind wir nackt.

“Es ist Ende März –  Frühling. Das Jahr 2017. Abschlussjahr. Den Sommer über bin ich es noch – Student. Und wenn der Herbst mit seinen bunten Blättern vor der Tür steht, wird die neue Jahreszeit einen neuen Lebensabschnitt einleiten. In genau 6 Monate oder 26 Wochen oder 186 Tage werde ich ein neues Abenteuer wagen. Das Ticken verkündigt es mir schon. Ende und Neuanfang.”

Und mit einem Wimpernschlag war all das Unausweichliche eingetreten. Das Ende und der Neuanfang. Es ist der erste Septembertag. Eine neue Jahreszeit steht vor der Tür. Es wird langsam Herbst und das Tippen dieser Worte reicht um mir eine kleine Gänsehaut über den gesamten Körper jagen. Es ist vorbei.

Vor ziemlich genau 6 Monate oder 26 Wochen oder 186 Tagen schrieb ich sie nieder, meine Gedanken und Sorgen über das Ende meines Studiums und den näher rückenden Neuanfang. Über den bevorstehenden Sommer. Nun ist all das Vergangenheit – an mir vorbei geraste Momente, die ein Teil meiner Erinnerung geworden sind. Erinnerungen an die ewigen Wochen am Schreibtisch, das stundenlange Lesen und Schreiben, die unendlich vielen Sprachnachrichten, die empfundene Dankbarkeit für einen tollen Betreuer, die letzten bestanden Klausuren, die grauen Regentagen, die Herausforderungen des Alltags, die Stunden in der blühenden Heide, den Abschiedsschmerz, den empfundenen Stolz, den Tag auf Sylt, die Kraft von Freundschaft.

Das war mein Sommer.

Nun beginnt der Wandel. Die Blätter beginnen sich still, fast heimlich zu verfärben und segeln langsam Richtung Boden. Ein neuer Abschnitt steht bevor, nicht nur in der Natur, sondern auch in und bei mir. Ich werde ihn ablegen – meinen Studentenstatus. Und fühle mich fast ein wenig nackt, als hätte ich ein Teil meiner sorgfältig aufgebauten Identität aufgegeben. Wie ein kahler Baum im Winter, der erst wieder komplett erscheint, wenn im Frühjahr die ersten Blätter sprießen. Ich bin ein wenig ungeschützt an diesem Ort – bin nicht Student, nicht Arbeitnehmer. Wer bin ich gerade? Unsicherheit gepaart mit Neugier. Zwischen Ende und Neuanfang – mitten in der Veränderung.

Alles ist in diesem Moment in Bewegung. Ich schaue dem Spektakel verdutzt zu. Bin fasziniert, aufgeregt und ein wenig wehmütig. Die erste Freundin ist ins Ausland gezogen. Andere haben noch ein weiteres Semester vor sich, bleiben noch ein wenig Student. Wir leben im digitalen Zeitalter und versenden zehn-minütige Sprachnachrichten um auf dem Laufenden zu bleiben. Wir nehmen Teil am Leben des Anderen. Auch in dieser bunten Phase der Veränderung. Doch trotz all der Technik – unser gemeinsamer Alltag ist vorbei. Drei Jahre liefen wir denselben Weg, überwanden Hindernisse, lachten, zweifelten, lernten und weinten. Gemeinsam. Zusammen stehen wir nun vor der letzten großen Kreuzung auf diesem Weg. Hell leuchtend weisen uns die bedruckten Straßenschilder den Weg in eine neue Zukunft. Wir wissen, ab hier muss jeder von uns alleine gehen.

Wir stehen dort gemeinsam, blicken nervös in die verschiedenen Richtungen.
Doch vor allem blicken wir glücklich und dankbar zurück. Jeder hat seine Wahl getroffen und guckt mutig in die Zukunft. Also drücken wir uns ein letztes Mal, sprechen uns Mut zu und glauben an die Kraft unser untypischen Freundschaft. Lachen und Weinen. Und ziehen los. Jeder in eine andere Richtung, ein wenig nackt und unbeholfen. Als würde uns das schützende Blätterkleid fehlen. Auf wackeligen Beinen gehen wir den neuen Weg. Alleine. Und als mich das erste Bild aus der neuen Wohnung meiner Freundin erreicht, wird mir das erste Mal richtig bewusst, hier beginnt der erste kleine Neuanfang. Auch wenn mein Herz schwer ist, die Sehnsucht groß – vielleicht ist das gar kein Ende – sondern nur ein neuer Anfang. Und wir sind mitten drin.


Geblieben sind gemeinsame Erinnerungen, die fest in uns verankert sind. Wissen, das sich trotz allen Widerstrebens in unseren Köpfen eingepflanzt hat. Menschenkenntnisse, die uns für immer begleiten werden. Selbstdisziplin, die uns geprägt hat. Bilder, über die wir noch in Jahren schmunzeln können. Entwicklung, die uns niemand mehr streitig machen kann. Und da merke ich es. Das alte Blätterkleid ist abgeworfen. Wir sind vielleicht nackt – aber nicht verletzlich. Eine robuste, harte Schale geformt aus den Erfahrungen, Erinnerungen und Kontakten der letzten Jahre, hat sich um jeden von uns gebildet. Schicht um Schicht aufgebaut – die Rinde unseres Lebens. Stark genug um uns durch jeden Zweifel zu tragen. Und wer genau hinblickt erkennt sie bereits, die ersten grünen Blätter, die voller Selbstvertrauen einen neuen Abschnitt verkünden.

Also stehe ich hier. Mitten im Wandel. Am Ende des Bachelor-Studiums, am Anfang des Arbeitsleben. Unsicher und doch mit den ersten, kräftigen Trieben, die den Neuanfang ankündigen. Ich bin dem Ziel entgegen gerannt, habe alles gegeben und bin nur noch einen Sprung von der Ziellinie entfernt. Noch eine kleine Präsentation, dann bin ich am Ziel. Doch manchmal zweifele ich. Möchte stehen bleiben, keinen Millimeter weiter gehen und habe Respekt. So großen Respekt vor der Zukunft. Denn Wandel bedeutet nämlich auch immer wieder Scheitern. Und vor Allem – wieder aufstehen. Also stehe ich auf. Immer und immer wieder. Ich habe mir ein neues Ziel gesetzt, auf dass ich mit vollen Tempo und aller Kraft zu renne. Einen Job zu finden, der Glück, Herzblut und Arbeit vereint. Und dafür werde ich weiter laufen. Immer und immer weiter. Wie schon all die Jahre zuvor. Ich bin bereit. Bereit auf das, was mich erwartet. Mit einer starken Schale, einem glücklichen, aber wehmütigen Herz und einem aufblühenden Blätterkleid voller Neugier und Motivation – für einen leuchtenden Neuanfang.

“Es ist Anfang September – Herbst. Das Jahr 2017. Abschlussjahr. Den Sommer über war ich es noch – Student. Und jetzt, wo der Herbst mit seinen bunten Blättern vor der Tür steht, hat die neue Jahreszeit einen neuen Lebensabschnitt einleiten. In genau 1 Monat oder 4 Wochen oder 30 Tagen werde ich den ersten Schritt in ein neues Abenteuer wagen. Weiter Erwachsen werden. Einen neuen Weg entlang Richtung Zukunft gehen. Das Klingeln des Weckers verkündigt es mir schon – Neuanfang.”


►Und Du?

Wie hast du das Ende deiner Schullaufbahn, der Ausbildung oder des Studiums wahrgenommen?

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