Im Auge des Sturms

“Wieso kannst du mich nicht verstehen?” wirfst du mir entgegen und blickst mich erwartungsvoll an. Schmerz umgibt dich. Jede Faser deines Körper bebt. Du. Ich. Wir. Ich setze an – doch die Worte verlassen meiner Körper nicht. Ich kann nichts sagen. Ich habe alles gesagt. So oft. So viele Male – habe ich alles gesagt. Also blicke ich dich nur an. Und lege all meine unausgesprochenen Worte in diesen Blick. “Ich verstehe Dich”, flüstert er.

Du schreist. Du wütest. Du bist ein tobender Wirbelsturm, der mich umgibt. Der uns umgibt. Der uns aneinander zerrt. Wir, die nicht fliehen können. Hör mir zu. Wir können nicht fliehen! Also tobe ich. Schreie ich. Und wüte ich. Denn zwei Wirbelstürme können sich nicht verletzen.

Aus stark, wird immer stärker. Oder? Wir verletzen uns nicht. Denn es geht nicht um uns. Es ging nie um uns. Zwei Wirbelstürme werden immer stärker. Oder? Sie schützen uns.

Ich will Dich in den Arm nehmen, dir zu flüstern, dass der Moment vergeht. Dass der Schmerz vergeht. Dass mein Schmerz vergangen ist. Doch du willst es nicht hören. Es tobt weiter um uns herum. Weiter und weiter. Ich halte dich. Fest. Fester. Hörst du, ich halte dich, denn ich verstehe dich. Du bist nicht allein. Das ist kein Kampf, den du alleine kämpfen musst.

Doch manchmal, manchmal habe ich Angst. Angst, dass ich dich doch verletze. Dass du mich verletzt. Dass wir uns verletzen. Nur einen kleinen Augenblick. Einen Wimpernschlag sind wir verletzlich. Die Lücke im System.

Es vergehen Minuten. Regen, Sturm. Wo hören die Wolken auf? Denn fallende Tropfen haben kein Ende. Sie versickern nur um neue Wolken zu werden. Das habe ich gelernt. Das war meine Lektion. Weg. Weg. Weg. Ich betrachte uns von Außen. Den Sturm, die Kreise, die unermüdlich Richtung Himmel streben. Blätter. Alles ist voller Blätter. Und fallender Tropfen. Kann nur ich diese Kraft sehen? Die Energie, die in dir leuchtet? Die in mir leuchtet? Das Band zwischen uns? Das ist kein Kampf gegen uns. Doch wir stecken fest. Und ich mittendrin. Wir drehen uns im immer schneller um uns selbst. Noch schneller, immer noch schneller, weil niemand uns stoppen kann. Weil Stürme nicht einfach so verenden. Also drehe ich mich mit dir. Und schwebe. Und falle. Und schwebe. Und dreh mich immer schneller.

Stop. Ich werde das Muster durchbrechen. Dich halten. Lasse meine Fassade fallen. Um dich zu halten. Denn du sprichst mit deinem ganzen Körper. Und er ruft mich. Er braucht mich. Ich halte dich. Fest, noch fester. Ich lasse deine Wut auf mich herunter regnen. Weil ich weiß, dass Stürme nur enden, wenn die Energie entweicht.

Jetzt!

Die Tropfen fallen. Doch keine Angst, ich bin geschützt. Habe Schichten um Schichten um mich gelegt. Aus Liebe, Dankbarkeit und Anerkennung. Aus ewiger Verbundenheit, Sehnsucht und Akzeptanz. Schicht um Schicht. Jahr um Jahr trug ich sie auf. Die Erinnerung an Worte, die mich schützen werden. Die dich schützen werden. Die wir gebaut haben, um uns zu schützen. Um jeden Sturm zu widerstehen.

Ich setze an und springe. Durch zwei Wände. Und – ich drehe mich. Unentwegt. Und immer schneller.

Doch auf einmal ist es ruhig. Das Auge des Sturms. Ich höre nichts. Keine Worte. Kein Regen. Kein Sturm. Doch dein Blick erzählt Geschichten, die nur ich verstehen kann. Die nur wir verstehen können. Und du zerfällst. Und ich zerfalle. So viel Verständnis für dich, mich, uns.

Wir sinken zu Boden. Liegen da. Deine Hand auf meinem Haar. Liebe in dir, mir, uns. Kein Schmerz, keine Wut, kein Hass. Dein Blick genügt. Ich brauche dich. Wir brauchen uns. Und als die Regentropfen längst versickert sind, beginnen all die ungesagten Worte unseren Körper zu verlassen.

“Danke, dass du mich verstehst.” flüstern sie.


►Und Du?

In welche Stürme bist du schon einmal geraten? Wie bist du Ihnen entkommen und was haben sie dich gelehrt?

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