Herbst.

 

Ich habe mich lachend vom letzten Sommertag verabschiedet. War ein letztes Mal am späten Abend draußen. Barfuß im leichten Sommerkleid. Bin jubelnd durch die Straßen getänzelt. Habe diese all umschließende Wärme aufgesogen. Habe laut gelacht und mit ganzem Herzen geliebt. Fühlte mich geborgen. Ich habe den Sommer umarmt. Ich war mir so sicher, dieses Gefühl würde noch für Ewigkeiten bleiben.

Doch es ist kühl geworden. Die ersten Blätter haben sich schon im Sommer bunt verfärbt. Ich friere wieder, während die Sonne zu schnell untergeht. Die ersten Vögel ziehen weiter. Und ich rieche es. Es liegt Veränderung in der Luft. Ich sehe es an jeder Ecke. Ich höre, fühle, spüre es, wenn ich aus meinem Fenster blicke.

Seit Jahren sitze ich dort. Beobachtete gespannt das hektische Treiben der Stadt und die sanften Bewegungen der Blätter der alten Bäume direkt vor mir. Die Bäume, die seit so vielen Jahren stark und robust vor meinem Fenster stehen. Die mir Schutz vor Regen und Schatten vor der Sonne spenden. Und die Jahr für Jahr wachsen. Sich mühelos im Einklang mit den Jahreszeiten wandeln. Die Bäume, die ich Stürme und Unwetter überstehen sah. Ein täglicher Blick genügte. Erhaben, sanft im Wind wiegend, standen sie da. Diese Bäume, die jeder Veränderung gewachsen schienen. 

Doch ich bin ich noch nicht bereit für den Wandel. Stecke noch mit Herz und Kopf im Sommer, will mir die Leichtigkeit bewahren und das Glück konservieren. Habe noch nicht genug vom leuchtenden Grün. Ich flüchte ans Meer. Spätsommerliebe.

Die Tage am Meer vergingen in Sekunden. Ich vergaß den sich androhenden Wandel, lebte mitten im federleichten Sommer. Kaum war ich Zuhause, riss ich strahlend die Vorhänge meines Fensters auf, um den Sonnenuntergang nicht zu verpassen. Strahlend schön lachte mich das Abendrot an. Und da war es wieder: das hektische Treiben der Stadt und die sanften Bewegungen der Blätter vor mir. Und dann sah ich es. Meine so unerschütterlichen Bäume waren nicht mehr ganz. Ihn fehlten ganze Äste. Zersplittert abgeknickt. Ein Unwetter im Spätsommer reichte, um meine Bäume zu verändern. Mir liefen mir die Tränen über das Gesicht. Denn ich wusste, das war das Ende meines federleichtes Sommerglücks.

Denn nur ich weiß, dass diese fehlenden Äste das Grün des Sommers alleine hätten tragen können. Dass jeder Ast ein einzigartiges Unikat mit kleinen Fehlern war, die ich so sehr liebte. Auch wenn ich weiß, irgendwann werde neue Äste wachsen, vermisse ich die alten. Durchatmen. Es braucht nur Geduld, Wasser und ein wenig Liebe. Die Wunden werden heilen, doch immer sichtbar sein. Ich streiche lautlos an ihnen entlang. Fühle jede Vertiefung, das raue Holz, das zarte Moos. Ich erinnere mich an den letzten glücklichen Sommer, den lachenden Herbst, den wilden Winter und das unruhige Frühjahr. Ich erinnere mich an jedes Blatt, dass einst aus diesen Ästen wuchs. Und da ist es mir klar: ich kann nicht vor dem Wandel flüchten.

So habe ich mich von diesem Sommer verabschiedet, ohne zu ahnen, dass er alles verändern wird. Vielleicht stecke ich also schon lange mitten im Herbst. Wenn Blätter fallen und Vögel weiter ziehen. Wenn der Wind sich dreht und stürmisch durch Baumkronen fegt. Wenn Wehmut und Sehnsucht in der Luft liegen, dann können auch Äste brechen. Vielleicht ist all das wirklich schon der Herbst. Das Ende eines viel zu kurzen Sommers.

Doch ein kleiner Funke in mir ruft: das hier, das hier ist kein Herbst.

Vielleicht ist das der Tag, der für immer unsere Wurzeln eng beieinander hält. Der uns wachsen und gedeihen lässt. Der aus all den gefallenen Ästen am Boden, wieder Erde werden lässt. Damit auf diesem Grund, die schönsten aller Blumen wachsen können. Lebendig, wild und wunderbar.

Oh nein, das ist hier kein Herbst. 

Das ist unser Frühling!


►Und Du?

Welche Gedanken haben dich diesen Sommer begleitet? Ich freu mich auf deine Geschichte in den Kommentaren!

 

 

 

 

 

 

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