Erinnerst Du dich noch an mich?


“Sollen wir springen?” Du schaust mich erwartungsvoll an
. Deine Augen funkeln. Abenteuerlustig. Du formulierst keine Frage. Und du weißt es ganz genau. Du kennst meine Antwort. Und ich kenne deine. Wir sind uns so sicher. Es ist nur eine Formalität. Meine Hand streichelt dein Gesicht. “Ja”, flüstere ich. Noch ganz leise. Und wir küssen uns. Und küssen uns. Und küssen uns. Wir besiegeln den Pakt. Es gibt kein Zurück. Ab jetzt, nur noch vorwärts. Den Rückwärtsgang gelöscht. Also küssen wir uns. Um der Angst zu scheitern zu entgehen. Wir tauschten Freundschaft gegen Liebe. Ohne Weg zurück. “Ja!”, rufe ich noch einmal ganz laut, fasse deine Hand und wir springen.

Osterfeuer. Funkenflug überall. Menschen lachen. Zu viel Alkohol um uns herum. Ich mittendrin. Wir mittendrin. Es ist heiß. Siehst du nicht die Funken fliegen? Die Feuer um Feuer neu entfachen. Immer und immer weiter. Feuer um Feuer. Wir sind stark – stur – temperamentvoll. Und wir streiten. Wir schreien. Laut. Immer Lauter. Bis ich das Knistern des Feuers nicht mehr hören kann. Stille. Unsere Blick kalt. Es ist alles gesagt. Und keiner bereut es. Nicht in diesem Moment. Ich renne davon – und du mir nicht hinterher. Nur die Funken fallen noch vom Himmel und hinterlassen Narben auf meiner Haut.

Wir sind gesprungen. Und geflogen. Und gefallen. Im Einklang. Aufgeprallt. Hart. Schmerzhaft. Mit neuen Narben wieder aufgewacht. Gemeinsam. Und wieder allein. Jetzt liegt es zwischen uns – dieses Niemandsland, das keinen Namen hat. Wir haben uns begraben. Zwischen grauen Steinen und dunkler Erde. Unsere Bekanntschaft. Unsere Freundschaft. Unsere Liebe. Begraben zwischen grauen Steinen und dunkler Erde. Wir haben dieses Land umzäunt. Sind sorgsam Meter für Meter abgegangen, damit niemand von uns es mehr betreten kann. Umzäunt mit rostig, grauen Stacheldraht. Denn wir wissen, es gibt kein Zurück. Wir haben den Pakt gebrochen. Von hier an allein.

Jahre vergehen. Weinroter Stoff, der meinen Körper hinunter gleitet. Mein Kleid, ausgewählt für diesen Moment. Das ist der letzte Abend. Ein letzter Abend empfundene Verbundenheit, bevor sich unsere Wege endgültig trennen. Ich laufe mit klopfenden Herzen über den Parkplatz. Überall vermischen sich Stimmen. Hupende Autos. Und du stehst vor mir. Guckst mich an. Ich weiß es ist das letzte Mal für eine lange Zeit. “Du siehst schön aus”, sagst du ruhig. Ich schaue dich an. “Du auch”. Und ich meine es ernst. Und wir beide wissen, das hier ist der letzte Abend. Der letzte Abend empfundene Verbundenheit. Wir lächeln und gehen zu den Anderen. Ein letztes Mal.

Wir hatten Recht. Es gab kein Zurück. Wir konnten es nicht schützen. Uns nicht schützen. Eine Wahl ohne Rückwärtsgang. Eine verblassende Erinnerung.

Wir hatten Recht. Es gab kein Zurück. Doch wir konnten die Zukunft schützen. Und gingen vorwärts. Frei und als der Schmerz entwich, waren wir glücklich.

Doch ich stand alleine am Zaun und blickte auf den leeren Grund. Graue Steine und viel zu dunkle Erde. Dort stand ich alleine. Tag für Tag. Bis die ersten grüne Halme den Neuanfang verkündeten. Hinter unserem sorgfältig aufgestellten Zaun, blühen zarte Blumen auf bunten Grund. Still und heimlich, kehre ich immer noch zurück – zu unserem kleinen Niemandsland, umzäumt von rostig, grauen Stacheldraht. Gesäumt von einem Blumenmeer aus Erinnerung und Glück. Und dann flüstere ich dem Wind ein leises “Erinnerst Du dich noch an mich?” zu. Nur ganz still und leise, frage ich mich was auf deiner Seite wächst. Ist dein Schmerz gewichen? Ist die Erinnerung an Glück geblieben?Siehst du noch, was uns einst verband? Den Grund warum wir sprangen? Denkst du wie ich mit einem Lächeln an unser jugendliches Ich? Noch immer kehre ich zurück. Zu unserem kleinen Niemandsland, das all meinen offenen Fragen eine Art Heimat gegeben hat.

Sechs Jahre später. Ich stehe im Badezimmer und rücke noch schnell meinen Zopf zurecht. Es ist kühl. Ich suche meinen Pullover. Der erste Polterabend. Wir sind erwachsen geworden. Es ist laut, warm und es wird gelacht. Während draußen der Regen auf das Vordach plätschert. Herbststimmung bei Kerzenschein. Stunden vergehen. Immer und immer wieder begrüße ich Menschen, die ich Ewigkeiten nicht gesehen habe. Und ich lache und lausche den Geschichten der letzten Jahren. Bin ganz im Moment.

Und dann trifft mein Blick den deinen. Ich stocke. Bin überrumpelt. Ich zweifle für diesen einen kleinen Moment. Doch deine Augen sprechen noch die gleiche Sprache, wie vor so vielen Jahren. Du legst den Kopf schief und flüsterst ein stummes “Hey”. Ich grinse und du tust es mir gleich. Ein paar Schritte bis zu Dir. Eine Umarmung, ein neugieriges “Wie geht es dir?”.

Wir fassen Jahre in Minuten zusammen. Es ist laut. Wir lachen. Ich weiß – du weißt – wir wissen, dass wir längst unserem jugendlichen Ich entwachsen sind. Dass unsere Narben verblasst sind. Dass unsere Gefühle von damals heute keine Bedeutung mehr haben. Dass wir glücklich sind. Jahre sind vergangen. Doch noch immer ist sie da. Die empfundene Verbundenheit. Vertrautheit. Vergangenheit.

Wir reden minutenlang. Und dann verraten deine Worte mir es: auch du besuchst manchmal unser Niemandsland. Ich bin nicht alleine. Ich war nie alleine. Du hast es nicht vergessen. Unser graues, braches Land. Das wir ohne es zu wissen, in all den Jahren gemeinsamen haben gedeihen lassen. Blumen die zwischen grauen Steinen und dunklen Boden entstanden. Standen wir einst Stunden gemeinsam vor unserem Zaun?

Und mir ist klar, unser Land ist längst mich mehr umzäunt von Stacheldraht. Er ist umrankt von Blumen aus Erinnerungen. Durchzogen von Dornen, die uns an den Schmerz erinnern. Von Blüten gekrönt, die aus unverwüstlichen Erinnerungen bestehen. Aus Momenten, die ein Teil von uns wurden.

“Es war schön Dich wiederzusehen”, sage ich lachend zu dir. Du schaust mich an. “Ja, das war es.” Und wir meinen es ernst. Wir beide wissen, das hier ist der letzte Abend für eine lange Zeit. Der letzte Abend Verbundenheit. Wir lächeln. Es fühlt sich richtig an. Ein letzter Blick zu Dir und ich weiß ich kann springen. Voller Herz in unser Niemandsland.


►Und Du?

Was wächst auf deinem Niemandsland? Konnten die positiven Erinnerungen den Schmerz überwinden?

► Fotos: Tim

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