Wir gehen aus dem warmen Raum. Niemand lacht. Nicht einmal reden scheint uns angebracht. Wir sind bedrückt von dem Gesehenen. Schämen uns, dass es uns so gut geht und anderen Menschen so schlecht. Fast unbewusst schleicht sich bei jedem von uns das Schuldbewusstsein in die Köpfe. Wir brauchen einige Minuten zum Durchatmen. Schlendern durch die kalte Abendluft. Schieben den Smalltalk über das Wetter vor.

Erst als wir wieder drinnen im Warmen sitzen, fangen wir an über das Gesehene zu sprechen. Wir diskutieren und hinterfragen. Es tut gut darüber zu sprechen. Gedanken zu teilen. Aber ich frage mich unwillkürlich: wie viel bleibt davon, wenn das mulmige Gefühl in ein paar Stunden erstmal verschwunden ist? Wie lange bleibt uns das Leid wirklich im Kopf?

„Ich glaube, du hast mehr Zeit dich mit diesen Dingen zu beschäftigen – du bist angekommen in deinem Leben!“

Wir sitzen immer noch zusammen und reden. Meine Freundin spricht „mit diesen Dingen“ etwa von veganer Ernährung oder den negativen Auswirkungen unseres unbedachten Konsums im Alltag. Themen, bei den wir uns alle vier auf ganz anderen Ebenen der Aufklärung und, wenn man es so nennen mag, der Erkenntnis befinden. Aber wir tauschen uns aus. Nicht nur heute, sondern kontinuierlich über die letzten Jahre. Stets unabhängig davon, dass wir uns nicht immer einer Meinung sind und nicht das selbe Verständnis eines ökologisch und moralisch vertretbaren Lebensstils haben. Trotzdem ist das Gespräch heute anders. 45 Minuten Dokumentation und wir wussten wieder: Unsere Entscheidungen über unseren Konsum beeinflussen das Leben anderer Menschen.

Ich komme ins Grübeln. Über zwei Jahrzehnte hat es gedauert, bis ich meine Konsumentscheidungen grundlegend überdacht habe. Obwohl ich noch nie viel Geld für „unnötige“ Dinge ausgegeben habe, landete eben doch mal der zehnte rote Nagellack in meinem Einkaufskorb. Habe ich vor einigen Jahren noch die vollen Kleiderschränke der Modeblogger bewundert, bin ich heute erschrocken über Schuhregale in denen ich 20 Paar schwarze Stiefeletten sehe. Mich übermannt Unverständnis.

Auf dem nach Nachhauseweg denke ich an die Aussage meiner Freundin zurück. Beschäftige ich mich erst jetzt damit, weil ich vorher zu sehr mit der Suche nach meinem eigenen Leben beschäftigt war? Wieso habe ich nicht schon mit 16 oder 18 Sachen näher hinterfragt? Das Glück der Generation sorglos, schießt es mir sofort in den Kopf. Unser Glück in einem sicheren Land aufzuwachsen bedeutet im Umkehrschluss eben auch: keine existenzbedrohenden Probleme.

Und irgendwann habe ich begriffen: Über den Tellerrand hinaus. Dahin muss ich blicken, wenn ich einen Unterschied machen will.

Ich bin mir sicher, dass etwas sehr Wahres in der Aussage meiner Freundin steckt. Es ist einfacher sich mit anderen Problemen zu beschäftigen, wenn man selbst zufrieden ist. Weil Zufriedenheit uns die Augen für unsere Umgebung öffnet und uns andere Probleme lösen wollen lässt.

Und hier ist sie – die Crux der Geschichte. Jeden Tag müssen wir etliche Probleme in unserer kleinen Seifenblasenwelt lösen. Den Alltag meistern, Freundschaften pflegen, unsere Beziehung wertschätzen, für die Zukunft arbeiten und uns um uns selbst kümmern. Vielleicht bin ich in manchen Teilen meines Lebens bereits angekommen, eben so wie jede meiner Freundinnen. In anderen Suche ich mich selber noch und stehe vor etlichen Problemen und Herausforderungen. Das ist das Leben. Und das bedeutet sich jeden Tag selbst herauszufordern. Herausforderungen fangen immer dort an, wo wir unsere Komfortzone verlassen müssen. Also muss ich meine kleine Seifenblase verlassen und mich aufmerksam umschauen. Um achtsamer zu werden. Um bewusster zu Leben und mit meinen Entscheidungen, direkt oder indirekt, keinen anderen Lebewesen, Menschen oder der Natur zu schaden.

Die Wahrheit ist, es ist einfacher sich selbst zu helfen. Sehr viel einfacher. Wir können nicht mit einer Handlung die Welt retten. Aber wir können selbst entscheiden etwas verändern zu wollen. Einen Unterschied zu machen. Mit unseren Entscheidungen, unserem Konsum, unserer Ernährung. Meine Freundinnen und ich wachsen also. Mit jedem Gespräch. Mit jedem Austausch über die Themen unseres Lebens aber auch über die Auswirkungen unserer Entscheidungen. Und mit jeder daraus gewonnen Erkenntnis wachsen wir ein paar Zentimeter über unsern Tellerrand hinaus.


Fotos by: Tim  || Kamera*: Sony & Canon   ||  Obektive*:  Sony-50mmCanon-50mm


Jacke: H&M   Pullover: Broadway  Jeans: Monki   Schuhe: Esprit vegan  Kette: DIY


Leider sind nicht alle meine Kleidungsstücke aktuell, deshalb habe ich Alternativen für dich rausgesucht*:

Jacke || Pullover|| Jeans || Schuhe || Kette || 


Und Du?

Sind dir die Auswirkungen deiner Entscheidungen im Alltag bewusst? Verrate mir doch in den Kommentaren, welche Kleinigkeit du in deinem Alltag geändert hast für ein nachhaltigeres Leben?

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36 comments

Antworten

Ein sehr schöner Text!
Wow ich bin gerade total begeistert.
Ich habe deinen Blog gerade gefunden und bin richtig froh drüber.
Werde mich gleich noch ein wenig durch deine Beiträge klicken. 🙂
Liebste Grüße Tamara
http://www.fashionladyloves.com/

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Liebe Tamara, danke für diese zuckersüßen Worte – da fängt mein Freitag aber gleich ganz wunderbar an!😍 Ich freu mich schon auf deinen nächsten Post – ich war sooo verliebt in deine Schneebilder! Genieße den Freitag!

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Sehr schöner Beitrag und bei mir was es genauso. Ich fange auch jetzt erst an darüber nachzudenken. Zu diesem Thema liebe ich den Blog dariadaria. Ich selbst habe ein paar kleine Dinge getan, die mehr sind als nicht – hoffe ich. Ich hole Eier und Fleisch vom Bauernhof hier im Land, kaufe keine Sachen die ich kaum trage und habe nichts 100dert fach. Was ich nicht brauche verkaufe ich auf Ebay oder spende ich. Und ich nehme keine Plastiksackerl beim Einkaufen sondern habe immer eine Stofftasche dabei. Die Äpfel wiege ich zB. auch ohne Sackerl.
Nicht viel aber mehr als nichts denke ich und hoffe ich kann das in Zukunft noch weiter verbessern. Ein komplett veganes Leben könnte ich mir jedoch nicht vorstellen. Ich komme quasi vom Land und vertrete die Werte auch nicht sooo ganz. Für mich ist es absolut OK tierische produkte zu konsumieren weil ich einige Höfe kenne die Milchkühe und Hühner haben, die absolut glücklich sind mit ihrem Freilaufstall und dem heimischen Futter aus eigener Produktion.

Liebe Grüsse

Sylvia

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Danke für deine Blogempfehlung Sylvia und deinen langen Kommentar! 😍 Ich finde es toll, dass du auch versuchst etwas zu ändern in deinem Alltag! Es fängt eben wirklich bei so Kleinigkeiten wie Plastiktüten an 🙂 Auch wenn du dir kein veganes Leben vorstellen kannst, finde ich es super, dass du Dir Gedanken über deinen Konsum machst und eben über die Produktion informiert bist. Alles ist ja auch eine Entwicklung, ich konnte mir früher auch niemals vorstehen vegan zu sein – und auf einmal ist es dann doch passiert! 🙂 Ich wünsche dir jetzt einen wunderbaren Start ins Wochenende! Saskia

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Ein sehr schöner, ehrlicher und bewegender Post! Großes Lob an dich! Ich merke selbst auch wie, je älter ich werde, mein Bewusstsein für Dinge sich verändert; bei mir ist es jedoch nicht, weil ich super zufrieden oder glücklich bin, sondern eher weil ich schon viel nicht so Gutes erlebt habe. So sollte jeder auf seine Art und Weise über den Tellerrand hinausschauen. Ganz liebe Grüße. Vika von http://callmevika.com <3

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Danke für deinen tollen Kommentar! 🙂 Ich kann sehr gut nachvollziehen wie negative Erfahrungen einen eben auch Verändern und sich ein ganz anderes Bewusstsein daraus entwickelt. Aber um so schöner, dass man aus diesem nicht so Guten Dingen trotzdem noch etwas positives ziehen 🙂 ich wünsche dir ein wunderbares Wochenende! Liebste Grüße an dich! <3

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Sehr schöner und tiefgründiger Beitrag. Ja wir sind in unserer Gesellschaft tatsächlich schon sehr Konsumlastig geworden. Gerade wir Mode-Mädchen. Wie du sagst, was braucht man wirklich? Und von Achtsamkeit und bewusster Lebensweise kaum noch eine Spur. Schön, dass du dir solche Gedanken machst und sie mit uns teilst.
Nicole

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Danke Nicole für deinen Kommentare. Ich muss dir da Recht geben, gerade die Achtsamkeit geht immer mehr verloren. Aber gut wenn das einem bewusst ist und man anfangen kann etwas zu ändern 🙂 Ich wünsche dir ein wunderbares Wochenende!

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Das ist ein wirklich süßer Post mit toll ausgewählten Worten !
Du siehst unglaublich schön aus .
Alles Liebe und genieß den Samstag ,
Maya von Mug&Milk

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Danke für das liebe Kommentar Maya! Ich freu mich das dir der Post gefallen hat 🙂 Wünsche dir auch ein wunderbares Wochenende!

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