„Oh, guckt mal da!“ – quietsche ich aufgeregt meinem Handy entgegen. Meine Hand ist kalt von der morgendlichen Luft. Es ist Herbst geworden, auch wenn die grünen Blätter noch verheißungsvoll den Sommer versprechen. Ich kann ihn fühlen – den Herbst. Mein Blick wandert durch die Bäume. Eichen. Groß und erhaben. Die Blätter tanzen. Der kühle Wind lässt mich wachsam sein. Neugierig.

Ich updatete meine Freundinnen. Verschicke Sprachnachrichten. Bringe sie auf den neusten Stand. Weil uns wieder einmal die Zeit für ein Treffen fehlt. Alle warten auf meine Antwort. 8 Tage. 9 Tage. 10 Tage – bis zur nächsten Antwort. Heute habe ich endlich Zeit.

Ich stocke. Wie lange habe ich gerade schon nichts mehr gesagt? 10 Sekunden? 15? „Entschuldigt – aber ich glaube mein Eichhörnchen hat Junge bekommen!“ Meine Stimme überschlägt sich fast. Ich klebe an der Fensterscheibe. Meine Augen fliegen durch die Bäume. Versuchen dem Tempo der Kleinen zu folgen. In meiner rechten Hand immer noch das Handy.

Und dann setzen sie an – der große Sprung.
Ich kneife die Augen zu.
Sie springen.
Eins, zwei – und schon segeln sie durch die Luft.
Ein vorsichtiger Blick.
Gelandet! Auf wackeligen Füßen und zitternden Ästen.
Aber gelandet.
Aufatmen, Grinsen.

Ich beobachte das Treiben. Spreche immer weiter in mein Handy und erzähle was ich sehe. Ich stocke immer wieder, grinse und sage nichts. Ich ertappe mich dabei wie ich den Kopf schief lege. Mein Herz tanzt. Ich erzähle weiter. Beschreibe kleinste Details. Obwohl es sonst gerade niemand sehen kann. Ich bin alleine. Nur virtuell verbunden durch den Daumen auf dem Aufnahmeknopf. Irgendwann sind sie verschwunden. Ich schaue auf mein Handy. 2 Minuten 10 Sekunden. Ich schüttel den Kopf und schiebe den Daumen nach rechts. Die Sprachnachricht wandert in den Mülleimer. Auf einmal scheint mir das Gesehene zu banal, mein Erlebnis zu unbedeutend. Ich fange von vorne an. Beschränke die Geschichte auf 10 Sekunden. Ich berichte stattdessen über das was letzte Woche passiert ist, was ich in den nächsten Tagen noch zu tun habe und kommentiere die Erlebnisse und Gedanken meiner Freundinnen. Alltag eben.

Mein Kopf ist schon wieder auf der Reise.
Er und Ich. Wir sind fortwährend auf einem Ausflug.
In die Zukunft und in die Vergangenheit.
Nächster Halt – Gegenwart?
Schulter zucken.

Es regnet stundenlang. Schreibtischtag. Abarbeiten, Planen, Organisieren, Haushalt, Kochen. 19.17 Uhr. Schattenspiele auf meinem Schreibtisch. Ein Blick über die Schulter. Sonne. Schuhe an, raus. Ich muss atmen. Atmen. Atmen. Will noch einmal die Wärme der Sonnenstrahlen auf meiner Haut spüren. Ich spaziere Meter um Meter. Beobachte meine Füße – Schritt für Schritt. Doch der Kopf ist schon wieder unterwegs. Ich schaue auf mein Handy. Eine Sprachnachricht. Ich bleibe stehen. Setze mich ins Gras. Ich lasse meine Hände durch den Untergrund streichen. Die Nachricht ertönt. Ich kann ihre strahlenden Augen sehen, auch wenn ich sie nur höre. „Ich saß vorhin auch einfach nur da und habe den Blättern zugeschaut. Sie tanzen!“

Und ich grinse. Erkenne die Schönheit, die in den Worten meiner Freundin steckt.
Doch manches Glück scheint mir flüchtig.
Ein Atemzug. Zwei. Drei.
Das Lachen verpasst, die Lichtspiegelung vergangen, der Regenbogen verblasst.
Der Moment verloren.
Weil das Gestern und das Morgen schon wieder in unseren Köpfen sitzt.
Keine Möglichkeit zurück zu spulen, doch die Stoptaste blinkt.
Unaufhörlich.

Ich frage mich unwillkürlich – „Wie viele Kleinigkeiten, mag ich die letzten Tage übersehen haben?“ Und so sitze ich da. Und antworte wieder einmal nicht direkt auf eine Nachricht. Doch mit gutem Grund. Ich streiche durch das nasse Gras. Sehe Regentropfen auf den zarten Halmen. Sonnenlicht, das sich kunterbunt in ihnen bricht. Alltagsmagie. Pilze wachsen. Klein, zart, mit zotteligen Rändern. War das schon immer so? Ich konserviere den Augenblick. Lege ihn ab – direkt neben den Moment von heute Morgen. Für schlechte Zeiten. Wenn der Alltag langweilig, anstregend und hässlich erscheint. Wenn ich das Gefühl habe mein Leben zu verpassen, weil so viel passiert. Wenn ich zweifle und ins Straucheln komme. Genau dann erinnere ich mich an die Magie des Alltäglichen.

Denn wenn ich die Stoptaste drücke, ist alles langsam.
Ruhig.
Lebendig.
Ungeachtet von Gestern.
Ungeachtet von Morgen.
In mir.
Bei mir.

Jetzt in diesem Moment.

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Und Du?
Wann hast du das letzte Mal die
Stoptaste gedrückt? Fällt es dir schwer im Moment zu sein?
Ich freue mich auf Deine Gedanken in den Kommentaren!

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42 comments

Antworten

Hey, wie schön du das geschrieben hast. Ich denke auch, dass uns sehr sehr viele kleine und doch wunderschöne Dinge in der Hektik der Zeit verloren gehen. Das ist sehr sehr schade.
Liebe Grüße!

Antworten

Wie immer schön von dir zu lesen! 🙂 Ja, dass ist schade, aber um so wichtiger, dass wir uns die kleinen Dinge wieder viel bewusster machen 🙂 LIebe Grüße an Dich zurück!

Antworten

Hallo Saskia,
deine Art zu schreiben gefällt mir – sehr poetisch und schön. Da werden selbst die alltäglichen Dinge besonders!
Liebe Grüße
Sonja

Antworten

Liebe Sonja, vielen lieben Dank für deine warmen Worte! 🙂 ICh wünsche dir einen wunderschönen Abend!

Antworten

Das hast du wirklich wunderschön ge- und beschrieben. Ich konnte mir alles bildhaft vor meinem inneren Auge vorstellen – sehr schön! Und die schönen Aufnahmen im Gegenlicht unterstreichen deinen Post, verleihen ihm eine herbstliche Stimmung.
Du hast so recht. Manchmal stecken wir viel zu oft im gestern und morgen, statt im hier und jetzt zu sein. Schade eigentlich! Manchmal übersehen wir vor lauter Hektik und Stress die Schönheit des Moments. Dabei sollten wir viel achtsamer durchs Leben gehen.

Antworten

Hallo liebe Jane,
das hast du schön geschrieben! Es liegt wahrscheinlich einfach an unserem Alltag und unserem Lebensstil, dass wir immer ans gestern oder morgen denken. Im Grunde ist das ja auch nicht so schlimm, aber ich glaube einfach, dass es sehr wichtig ist, sich kleine Auszeiten zu schaffen. Momente in denen wir das hier und jetzt wertschätzen!:) Ich wünsche dir einen tollen Tag!

Antworten

Dein Beitrag ist wieder so richtig schön geschrieben und ich mag die Bilder auch sehr gern! 🙂

Liebst Elisabeth-Amalie von Im Blick zurück entstehen die Dinge

Antworten

Liebe Elisabeth-Amalie, ich freu mich riesig, dass dir der Text so gut gefallen hat! 🙂 Hab einen wunderbaren Mittwoch!

Antworten

Hallo liebe Saskia,
Ich bin grad echt geplaettet, wie wunderschoen Du dich hier grade mitgeteilit hast. So tief und nah im Moment! Wirklich schoen geschrieben. Es hat irgendwie was von einem puren Moment. Und das mit den Sprachnotizen muss ich auch mal wieder mehr machen, sich bei Freunden melden….
GLG aus London,
Finja ~ http://www.effcaa.com

Antworten

Hallo Finja,
vielen lieben Dank für deine lieben Worte! Sprachnachrichten sind irgendwo Fluch uns Segen zu gleich. Es ist wunderbar so viel von seinen Freunden mitzubekommen – andererseits nimmt man sich doch zu wenig Zeit um regelmäßig ausführlich zu antworten. Vielleicht sieht man sich sogar weniger. Trotzdem ist es schön, kleine Momente so ganz schnell Teilen zu können und sich immer gegenseitig zu inspirieren 🙂 Hab einen tollen Abend!

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