Flüsternde Augen

„Du bist toll!“, flüstern deine Augen. Eine Sekunde lang schauen wir uns an. Wir bleiben stehen. Es ist nur dieser eine Blick, dem wir trotzdem nicht standhalten. Denn auch Flüstern ist laut, wenn andere zuhören. Also schauen wir verwundert weg. Und blicken uns nicht mehr an. Sind zu überrascht und verpassen den Augenblick, den einen Moment Magie. Also gehen wir weiter. Und vergessen das Flüstern, dass uns stehen blieben ließ.

Doch mir gehen die Sekunden nicht mehr aus dem Kopf. Ich spule sie immer wieder vor und zurück. Bin gefangen in der Dauerschleife. Dieses schiefe Grinsen und der forschende Blick. Inmitten all der uns umgebenden Menschen. Ich schüttel grinsend den Kopf. Wundere mich, wieso manche Blicke sich anders anfühlen. Wieso sich dein Blick auf einmal anders anfühlte. Wieso wir an diesem Tag stehen blieben und nicht wie gewohnt weiter gingen.

Also tippe ich Sätze und lösche sie wieder. Ich versuche das Gefühl einzufangen und zu beschreiben. Es zu erforschen und zu verstehen. Denn Gefühle machen mich neugierig. Bin zu sensibel, um Zeichen zu ignorieren. Doch es gelingt mir nicht. Alles was in mir bleibt, sind diese Sekunden, die sich nach Verbundenheit anfühlten.  Nach diesem bisschen mehr, dass uns vereint. Ganz ohne Wertung, ohne Absicht, ohne Verlangen. Nur Neugier umspielt mich. Fordert mich heraus. Ich versuche es zu verstehen. Meine Frage auszuräumen, unser Handeln zu analysieren, die Zweifel zu beseitigen.

Denn Augen flüstern nicht einfach so, oder? In jedem Blick steckt immer auch dieser eine Funken Ehrlichkeit. Dieser kleine Stück unseres Inneren, das mehr verrät, als wir eigentlich wollen. Das wir meistens aber einfach übersehen. Überdeckt von all dem alltäglichen Reden, Lachen und Gestikulieren. Der lauten Umgebung, der Ablenkung, der anderen Menschen. Doch wenn all das entfällt und nur ein Blick bleibt, dann können Blicke flüstern. Sie können ganze Geschichten erzählen, ohne das je ein Wort gefallen ist. Von Neugier und Spannung, von Abneigung und Desinteresse, von gemeinsamen Erfahrungen oder zufälligen Einfällen – ein Blick mit hunderten Bedeutungen.  Unbedeutend im Alltag. Solange bis uns irgendetwas sagt, bleib stehen und erwidere diesen Blick.

Also stehen wir nun dort, mitten im Treibsand und trauen dem stabilen Grund. Wir könnten lachend, tanzend durch die Gegend rennen, denn wir haben nichts zu verlieren. Einfach Worte wechseln, um die Blicke näher zu erforschen. Verbindet uns etwas oder verstehen wir uns nicht. Doch wir bewegen uns nicht. Wir stehen dort und schauen nur. Als würden wir längst wissen, dass der Sand sich zu bewegen beginnt, wenn wir versuchen diese Blicke zu verstehen. Die Gemeinsamkeiten zu finden. Aus der Flüchtigkeit, Beständigkeit zu machen. Also lassen wir es. Ziehen unsere Grenzen und übertreten sie nicht. Finden nie heraus, wer wir eigentlich sind.

Doch du forderst mich trotzdem heraus. Bewusst oder unbewusst. Und ich tue es dir gleich. Ein unausgesprochener Pakt zwischen unserem Flüstern. Das mal leise und mal laut ist. Mal fast unsichtbar, manchmal tagelang verschwunden. Die Zweifel unserer flüsternden Gespräche, über die wir nie gesprochen haben. Über die Momente, die wir längst vergessen haben. Über die Sekunden, in denen wir stehen bleiben. Denn – wir wissen nicht was sie bedeuten. Ob meine Augen und deine Augen gemeinsam flüstern.  Und so betrachte ich es weiter verwundert. Die Sekunden, die vielleicht einfach nichts bedeuten.

Also schaue ich dich fragend an, als der Zufall unsere Blicke wieder zusammenführt. Als könnten meine Augen, meine innere Neugier nach Außen kehren. Als könntest du mir meine Fragen, dann sofort beantworten. Als wüsste ich dann, was all die vergangenen Momente bedeuten.

Und dann merke ich wieder – deine flüsternden Augen – sie erzählen immer noch Geschichten für mich. Von Neugier und Verwunderung. Von Desinteresse und Ablehnung. Doch ihre Sprache, verstehe ich nicht. Also lasse ich die Momente verblassen. Die Erinnerung verschwinden. Die Fragen verrauchen. Ich bleibe stehen und halte dem Blick stand. Doch wenn du wegblickst, dich entschieden hast zu gehen, die Grenzen nicht zu überschreiten, dann schaue ich diesen flüsternden Augen manchmal immer noch sehnsüchtig hinterher.


►Und Du?

Welche Gedanken kommen dir bei „Flüsternden Augen“? Was erzählen sie für dich für Geschichten?

Fotos: Tim

 

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2 Comments

  • Elisabeth-Amalie
    2. Januar 2019 at 13:16 — Reply

    Wow, deine Texte, deine Worte sind nach wie vor einfach soooo wunderbar. Ich liebe deine Zeilen und verliere mich so gern darin. Meine Lieblingszeile ist diese, dass Blick so viel erzählen können, auch wenn niemals Worte gewechselt wurden. Danke für den schönen Text. Für 2019 wünsche ich dir alles, alles Liebe! <3

    Liebst Elisabeth-Amalie von Im Blick zurück entstehen die Dinge

    • Saskia - demwindentgegen.de (Author)
      5. Januar 2019 at 13:54 — Reply

      Immer wieder so schön von dir zu lesen liebe Elisabeth-Amalie 🙂 Ich wünsche dir für 2019 unendlich viele glückliche Momente!

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