2019 in Worten.

Irgendwann zwischen Weihnachten und Silvester 2018. Ich sitze bei Kerzenschein am Schreibtisch. Der Kalender liegt vor mir, während ich die ersten Termine fürs neue Jahr eintrage. Handschriftlich. Immer noch. Jeder Mensch scheint gerade ein wenig in seiner eigenen Welt verschwunden zu sein. Die Magie dieser Zeit. Durchatmen und Anhalten. Also fülle ich einen kleinen, orangen Zettel aus.

Ziele & Wünsche kritzel ich darauf. Weil ich weiß, dass manche Ziele manchmal Wünsche sind. 14 Stichpunkte. Gefühlsmensch. Ich analysiere nicht, höre auf den Bauch. Ich schreibe auf, was mir einfällt und klappe den Zettel zu. Klebe ihn sorgfältig in meinen Kalender ein und blättere die Seite um.

Irgendwann zwischen Weihnachten und Silvester 2019. Die Zeit zwischen den Jahren. Magisch. Und dann fällt er mir wieder ein. Dieser kleine, orange Zettel aus dem letzten  Jahr. Vollgeschrieben mit  Zielen und Wünsche. Ich suche die Seite und fange an zu lesen…


Januar.

Das Jahr beginnt ruhig. Mit Stunden auf dem Sofa. Und Spaziergängen im Sonnenschein. Mit Frost, der Bäume wie Kunstwerke aussehen &  mich beim Laufen anhalten lässt. Nur um da zu stehen und wieder einmal die Wunder vor mir zu bestaunen. Verdammt bin ich zu begeistern für Kleinigkeiten. Der Monat ist sanft, weich. Zeit zum Nachdenken. Zum Ziele abstecken und Wünschen hinterherjagen. Aussortieren, umsortieren. Alles neu und doch beim Alten.

Im Januar lernte ich, dass ein Jahr unendlich lang und unfassbar kurz sein kann. Aber das in jeder Zeitrechnung, alles möglich ist. 


Februar.

Ich kann nicht aufhören zu grinsen. Seit Wochen laufe ich die immer gleichen Wege in immer neuen Reihenfolgen. Mal links herum, mal rechts herum. Zwischen kahlen Bäumen, immergrünen Tannen und grauen Beton. Und dann entdecke ich sie. Die ersten Frühlingsboten. Klein und zaghaft leuchten sie empor. Zwischen altem Laub, das vom vergangenen Herbst erzählt. Krokusse. Oh endlich, Krokusse. Die Sonne scheint. Wärmt die Luft. Ich fahre Fahrrad. Endlich wieder. Und laufe im Pulli. Und ich bestaune wieder Sonnenaufgänge aus der Bahn und Sonnenuntergänge aus dem Schlafzimmer-Fenster. Ich starte in ein neues Abenteuer, ohne zu wissen, wohin es mich führen wird. Im Februar begann der Frühling.

Im Februar lernte ich, dass manche Entscheidung nur aus dem Herzen getroffen werden müssen. Aus dem Moment heraus. Auch wenn wir uns nackt und verwunderbar fühlen, es unsere Welt durcheinander schüttelt und wir nicht ahnen können, was uns erwarten wird.


März.

Ich verreise. Nur ein paar hundert Kilometer weit. Mit ungutem Gefühl und schwerem Herz. Dabei mag die Zugfahrt, das Anschauen der vorbeirasenden Landschaft, die Geschichten, die sie mir erzählen. Ich mag das Innehalten im Zug, die Gewissheit, dass die nächsten paar Stunden mir gehören. Ich mag den fremden Bahnhof, die hektischen Menschen, die komisch klingende Sprache und die neue Stadt. Und doch: schweres Herz. Ich habe Heimweh. Schon wieder oder immer noch. Ein unbekanntes Gefühl meiner Generation, scheint mir. Komisch. Manchmal verreise ich gerne. Mit Herzensmenschen. Mit genug Freiraum für jedes Gefühl. Mit Zeit für mich, zum Anhalten und Erkunden. Doch immer wieder merke ich: ich komm gerne nach Hause. Ich komme immer und immer wieder glücklich lachend nach Hause.

Im März habe ich gelernt, dass es okay ist, Heimweh zu haben. Egal wie weit weg oder wie lange man unterwegs ist, wie alt oder jung man ist.


April.

Frühling. Endlich wirklich Frühling. Das erste Mal frühstücken auf dem Balkon. Das erste Mal Abendessen bei Sonnenschein. Grüner Spargel. Spaziergänge im Pullover. Spaziergänge im T-Shirt. Ich staune. Über die so wunderschön blühenden Bäume. Und die Sonnenuntergänge. Und wieder einmal merke ich: ich brauche Natur um mich. Mein Kopf braucht die Ruhe. Die Auszeit von lauten Straßen, vollen Bahnen und zu vielen Menschen. Ich brauche Wind, der raschelnd durch Blätter fegt. Enten, die laut quarkend und protestierend vor mir stehen. Erde unter meinen Füßen. Den Geruch von Regen auf Laub. Kitzelnde Sonnenstrahlen und glitzernde Eiskristalle. All das brauche ich so dringend.

Im April habe ich gelernt, auf mein Inneres zu vertrauen und meiner Intuition zu glauben.


Mai.

Erwähnte ich schon, dass ich Zug fahren liebe? Das Anhalten und das Rausschauen. Das Geschichten ausdenken und den Gedanken hinterherhängen. Und diese eine Zugfahrt im Mai, bringt heute noch mein Herz zum Hüpfen. Verrückt, ich kann es gar nicht erwarten noch einmal mit diesem Zug zu fahren. Das Ziel stand fest: Köln. Angebote verglichen, für die erste Klasse entschieden, Bahn gebucht. Warten am Bahnhof. Einfahrt des Zuges. Aufregung. Und auf einmal die Erkenntnis, dass ich ganz ungeplant im Panorama-Zugabteil sitze. Mit gebogenen Fenstern, die fast bis zur Decke reichen. Irgendwie stelle ich mir so das Reisen im Hogwarts-Express vor, als der Zug durch die Landschaften zu fliegen scheint. Ich wollte lesen, schreiben und Filme schauen. Tatsächliche schaue ich nur nach draußen. Vier Stunden lang, kann ich meinen Blick nicht vom Fenster lassen. Achja, hatte ich schon erwähnt, dass ich Zug fahren liebe?

Im Mai habe ich gelernt, dass auch eine Zugfahrt zum aufregendsten Ereignis in einem Monat werden kann und dass nicht weniger wunderbar als jedes anders Abenteuer ist.


Juni.

Der Juni beginnt herbstlich, obwohl alle Bäume im satten Grün erstrahlen. Freundinnen-Urlaub auf Sylt. Es regnet den kompletten ersten Tag in Strömen. Es ist kalt. Und es macht uns gar nichts aus. Wir improvisieren. Die ganze Zeit. Und es ist wunderbar. Am nächsten Tag scheint die Sonne. Der Wind fegt uns um die Ohren. Macht nichts. Schuhe aus und mit nackten Füßen durch eiskaltes Wasser laufen. Während wir über unsere Verschiedenheiten lachen und uns fest versprechen: nächstes Jahr kommen wir wieder.

Und dann kommt der Sommer. Und die dritte, fette Erkältung für dieses Jahr. 1,5 Wochen vor dem Halbmarathon. Ausruhen, zittern, inhalieren, Vitamine, weiter ausruhen. Und tatsächlich stehe ich am 30. Juni mit Schmetterlingen im Bauch am Start des Halbmarathons, für den ich wochenlang trainiert hatte. Bei bereits 25 Grad um 9 Uhr morgens. Und schon jetzt ist uns allen klar: das heute wird ein besonderer Lauf. Hochsommer. Nur noch 10 Minuten. Mit tausenden anderen Läufern stehen wir vor der Startlinie. Lachen an jeder Ecke. Es wird Musik gespielt. 3, 2 , 1 und los. Und dann laufen wir. Nur dieses eine Ziel: nach 21,1 Kilometern gesund im Ziel zu stehen. Während wir laufen werden es 35° Grad. Trinken, Wasserdusche, Laufen und Repeat. Ich kann nicht mit dem Grinsen aufhören. Lieblingsmenschen an der Strecke. Fremde, die Läufer mit Wasser versorgen. Und uns Meter für Meter anfeuern. Bis Kilometer 17 läuft es. Dann werden die Beine schwer. Schritt für Schritt immer weiter. 25 Minuten langsamer als 2018, aber nicht weniger stolz und glücklich erreichen wir das Ziel. Keine 24 Stunden später ist die Anmeldung für 2020 abgeschickt.

Im Juni habe ich gelernt, das Freundschaft nicht bedeutet sich in jedem Punkt einig zu sein, sondern über jedes Thema sprechen zu können,  einander zu respektieren und sich genau dafür zu lieben.


Juli.

Ein Monat voller Alltagsglück. Tage, die von sonnigen Mittagspausen auf der Dachterasse mit Lieblingskollegen erzählen. Von 5km-Läufen, die sich nach dem Halbmarathon unfassbar kurz anfühlen. Von einer Fahrradtour, die ungeplant mitten im Wald und mit einer halben Panikattacke enden. Von unverpackten Einkäufen, dem Streicheln von Hängebauchschweinen und Spaziergängen im liebsten Sommerkleid. Vom Staunen am Streckenrand des Ironmans, von veganen Geburtstagscupcakes und vom Musicalbesuch. Von Liebe und Freundschaft.Einfach von meinem großen, kleinen Alltagsglück.

Der Juli lehrte mich immer und immer wieder mein kleines, großes Glück zu verfolgen, dafür einzustehen und mich nicht aus dem Konzept bringen zu lassen.


August.

Herzschmerz. Einfach so brach ein kleiner Teil meiner Welt zusammen. Meine Insel. Meine Zuflucht in stürmischen Zeiten. Lieblos entfernt. Ohnmacht, Schmerz, Wut, Trauer. Alle Gefühle purzeln durcheinander. Ich bin sauer. Richtig sauer. Vielleicht das erste und einzige Mal in diesem Jahr. Und ich bin es bis heute. Weil man manchmal so machtlos ist. Und weil Gefühle für mich mehr wiegen als alles andere. Zum Glück bleibt am Ende doch immer eins: Hoffnung. Und das Wissen über all die glücklichen Erinnerungen, die für immer tief in unseren Herzen ist.

Und dann: endlich Urlaub. Das erste Mal überhaupt drei Wochen am Stück. Zeit für all die Dinge, für die ich im Alltag keine Zeit habe. Oder für die ich mir keine Zeit nehme. Es geht an Meer. Travemünde. Fünf Tage über 25 Grad. Noch einmal Sommer fühlen. Spaziergänge im Naturschutzgebiet. Baden in der Ostsee. Die Möwen beobachten und sie in Frechheitslevel einteilen. Open Air Kino. Minutenlang einfach nur das Meer bestaunen. Bahnen schwimmen. Nach Hause kommen und Erinnerungen konservieren.

Im August habe ich gelernt, dass ich nicht jede Veränderung gut finden muss und ich wütend sein darf, wenn mein Gefühlswelt tobt.


September.

Ich laufe. Und laufe und laufe. Erst 10 Kilometer durch die Großstadt an einem dieser wunderschönen Herbsttage. Es wird warm. Ich habe definitiv zu viel an. Ein Wochenende später. Ab an die Elbe. Heldenlauf. 6,7 Kilometer den Containerriesen hinterher. Lieblingsläufe. Es ist warm. Ich habe wenig an – und zum Glück Wechselsachen dabei! Nach 3 Kilometern fängt es an zu regnen. In Strömen. Es hört bis zur Ziellinie nicht mehr auf. Wir haben den Spaß unseres Lebens. Klitschnass bis auf die Unterwäsche, aber mit einer Erinnerung, die uns heute noch zum Lachen bringt. Neues Wochenende, neuer Lauf. 16 Kilometer rund um den Flughafen. Wo ich das erste Mal fast einen Start verpasste. Also rannte ich quer über den Sportplatz, während der Startschuss fiel und schaffte es gerade noch so über die Startlinie. Und dann, los, laufen. Immer Richtung Flughafen. War es dort schon immer so grün? Ich staune. Über startende Flugzeuge und die wunderschöne Natur. Verrückte Gegensätze.

Im September lernte ich, dass die Liebe zum Laufen immer genau dann wächst, wenn man nicht Laufen kann.


Oktober.

Herbstliebe. Und Dunkelheitsdepression. Die Blätter hängen bunt verfärbt an den Bäumen. Und ich frage mich, wann eigentlich Herbst geworden ist. Bin irgendwie ein wenig im Sommer hängen geblieben. Wie jedes Jahr. Die Tage werden kürzer. Zu schnell. Verpasse manchmal den Sonnenuntergang. Kaufe ein Regal und befülle Gläser mit Smoothie-Zutaten. Laufe zweimal um einen See und bekomme eine der schönsten Medaillen des Jahres. Treffe Lieblingsmenschen und spaziere Sonntags im Wald. Fange mal wieder an zu sticken und möchte endlich wieder schreiben.  Laufe über die Köhlbrandbrücke und kann nicht genug von diesem Lauf bekommen. Ich mache Krafttraining und fluche dabei durchgehend. Manches ändert sich vielleicht doch nie. Oder wenigstens nicht so schnell.

Im Oktober wurde mir wieder bewusst, dass alles nur damit beginnt, einfach anzufangen. Weniger denken, reden, philosophieren – sondern genau jetzt beginnen. Gar nicht mal so einfach, dieses einfach mal machen.


November.

Sich spontan entscheiden eine Nacht in Berlin zu verbringen. Bahn fahren ohne jegliche Verspätung. Zwei Stunden durch den Regen laufen und die Stadt bewundern. Vegane Donuts essen. Ein, zwei, drei, vier. Über die Aussicht staunen. Das beste vegane Sushi essen. Ein Konzert besuchen. Zu Fuß zum Hotel laufen. Berlin bei Nacht. Halbwegs Ausschlafen. Marmelade frühstücken, weil veganes Frühstück offensichtlich auch 2019 in manchen Hotels nur aus Marmelade besteht. Trotzdem zufrieden den Tee schlürfen. Nach Hause fahren. Mittagsschlaf. Auspacken. Das nächste Konzert besuchen. Sich alt fühlen zwischen Teenagern. Aus dem Staunen nicht mehr rauskommen, über diesen talentierten Menschen 50 Meter vor mir. Nach Hause fahren. Schlafen.

Der November zeigte mir, was es heißt hoch sensibel auf äußere Einflüsse zu reagieren und lehrte mich, wie ich damit besser umgehen kann.


Dezember.

Reflektieren über das Jahr. Über den Weltschmerz. Über brennende Wälder, Sturmfluten, Hurrikane, Müllberge, Demonstrationen, steigende Wasserspiegel. Über drei Jahre vegan sein und das Gefühl haben, trotzdem nicht genug tun zu können. Sicht machtlos fühlen. Wegen den immer gleichen Gespräche, warum ein nachhaltiges, veganes Leben nicht nur eine Phase ist. Reflektieren den eigenen Konsum. 2019 kaufte ich genau fünf neue Kleidungsstücke. FairFashion oder Secondhand. Immer weitere verbessern. Kleine Schritte. Seife statt Duschgel & Haarschampoo, nachhaltige Spülbürsten, Strohalme aus Glas, Waschnüsse, Teelichter aus Raps. Alltag ohne Weg zurück.

Reflektieren über das Jahr. Über persönliche Weiterentwicklung. Über wachsende Liebe und gestärkte Freundschaft. Über unendliches Glück und regelmäßige Rückschläge. Über wachsende Werte und der nie endenden Suche des Ichs. Über starke Momente und verzweifelte Tränen. Über regelmäßige Schmerzen und dem Glück von schmerzfreien Stunden. Über das ewige Lachen und die tägliche Dankbarkeit. All das war 2019 und all das war gut.

Der Dezember zeigte mir, dass ich glücklich bin und immer sein kann. Jeden einzelnen Tag für einen Moment, egal wie viel Schmerz mich umgibt. 


2019 – du warst mein ruhiges Meer. Mit vielen kleinen Wellen, die zu Abenteuer wurden. Mit Zeit zum Ankommen und Durchatmen. Du hast mich Kraft tanken lassen für das nächste Jahr. Und mich Geduld und Vertrauen gelehrt. Du hast mir gezeigt, dass Liebe das Schönste in mir zum Tanzen bringt und mir doch den Spiegel vorhält, um mich wachsen zu lassen. Du hast mich daran erinnert, wie wichtig unser Körper ist. Und wieso fünf Lieblingsmenschen besser sind als 50 Bekannte. Dank dir habe ich noch weniger konsumiert, aber auf nichts verzichten müssen. Du hast mich für meine Werte einstehen lassen und mich emotional gestärkt. Du warst mein ruhiges Meer, mit diesen vielen kleinen Wellen, die zu glücklichen Abenteuer des Alltages wurden. Ich bin bereit, den nächsten kleinen Zettel zu befüllen.

 


⯈Und Du? Wie war dein 2019 im Rückblick? Was hast du in den Monaten gelernt? Ich freue mich auf Deine Gedanken in den Kommentaren.

 

Related Posts

2017 in Worten. 1. Januar 2018
Herzschlag 29. Juli 2018
2018 in Worten. 29. Dezember 2018
Herbst. 3. September 2019

Leave a Reply